Ein alltagsnahes Gespräch mit dem Philosophen Dominik Bär
Künstliche Intelligenz ist überall: im Büro, in der Schule, im Alltag. Viele fragen sich: Bedeutet das für mich persönlich Jobverlust? Was kommt da eigentlich auf uns zu?
Wir haben mit Dominik Bär, Philosoph und wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Ruhr-Universität Bochum, darüber gesprochen, was KI konkret für unser Arbeitsleben bedeutet und worauf wir uns vorbereiten müssen.
Dominik, viele Menschen nutzen ChatGPT oder andere KI-Tools mittlerweile ganz selbstverständlich. Gleichzeitig macht das vielen Angst. Hilft KI uns oder macht sie uns arbeitslos?
Beides. KI besitzt ein enormes transformatives Potenzial, das direkt in der Technologie liegt. Ende 2022 haben wir mit ChatGPT gesehen, wie schnell diese Veränderung Wirklichkeit wurde – im Bildungswesen, in Unternehmen und überall sonst.
Und die Entwicklung geht weiter. Amazon kündigt beispielsweise tausende Mitarbeiter, weil KI ihre Aufgaben übernehmen kann. Das zeigt, dass KI für Unternehmen äußerst attraktiv ist, da sie Arbeit oft sehr effizient und kostengünstig automatisieren kann.
Ist das denn wirklich etwas Neues? Bei der Industrialisierung sind ja auch Jobs weggefallen, aber es entstanden neue.
Das stimmt historisch, doch KI funktioniert anders.
Bei KI können wir uns darauf wahrscheinlich nicht verlassen. Wenn KI „gut“ funktioniert, ersetzt sie mehr Arbeit, als sie schafft. Genau das treibt den Rationalisierungsanreiz an. Ein Unternehmen merkt: „Ich habe 50 Mitarbeitende, aber mit KI brauche ich nur noch 20.“ Für die 30, die wegfallen, entsteht nicht automatisch ein neuer Job, zumindest keiner, der realistisch erreichbar wäre.
Sie haben in unserem Vorgespräch zum Interview eine Gruppe besonders hervorgehoben – Menschen in Berufen wie LKW- oder Busfahrer. Warum gerade die?
Weil dieser Bereich ein besonders klares Beispiel ist, da er vergleichsweise leicht zu automatisieren scheint. Wenn autonomes Fahren marktreif wird – und das ist nicht mehr utopisch –, dann sind LKW-, Bus- und Taxifahrer über Nacht nahezu komplett überflüssig.
Und jetzt wird es kompliziert: Wir erwarten oft, dass man sich einfach „weiterbildet“ und lebenslang lernt. Aber die Menschen sind nicht beliebig ausbildbar oder weiterbildbar, sowohl was ihre Fähigkeiten betrifft, als auch mit Blick auf ihre Interessen. Sie können nicht einfach alle in Richtung Informatik oder KI wechseln. Gleichzeitig verschwinden viele der Alternativen ebenfalls, weil sie auch von KI betroffen sind.
Auch Menschen im Büro greifen immer mehr auf KI zurück, um Arbeit zu automatisieren. Was macht das mit unserem Kompetenzgefühl?
Das ist eine sehr zentrale Frage. Wir haben ein psychologisches Grundbedürfnis, das in der Selbstbestimmungstheorie „Kompetenz“ heißt.
Wenn wir immer mehr an KI abgeben, sei es Schreiben, Recherchieren oder kreative Ideen, kann es passieren, dass wir uns subjektiv weniger kompetent fühlen. Kurzfristig ist es toll, wenn die KI etwas für uns erledigt. Aber langfristig kann das eigene Kompetenzgefühl Schaden nehmen.
Frage: Bedeutet das, wir sollten KI möglichst nicht nutzen?
Nein, das meine ich nicht. Wir sollten sie nur bewusst nutzen.
Ein Beispiel: Im Bildungsbereich. Es wirkt verlockend, sich Arbeit abnehmen zu lassen, aber der eigene Lernprozess leidet massiv und am Ende lernt man deutlich weniger.
Oder mein persönliches Beispiel, das nicht direkt mit KI zu tun hat, aber ähnlich wirkt: Ich hatte eine Zeit lang TikTok. Und ich habe gemerkt, dass es meine Aufmerksamkeit frisst und ich nach dem Scrollen schlechter drauf bin. Also habe ich es gelöscht.
Man muss ehrlich zu sich sein: Verbessert ein technisches System mein Leben wirklich, oder verschlechtert es am Ende sogar?
Wenn so viele Jobs wegfallen könnten, was wäre eine Lösung?
Man muss sich klar machen: Wirtschaft ist kein Naturgesetz. Wie wir unsere Gesellschaft wirtschaftlich ordnen, entscheiden wir selbst.
Hier gibt es verschiedene Ansätze, die denkbar wären. Ohne mich hier klar für einen aussprechen zu wollen:
- Ein bedingungsloses Grundeinkommen, sofern es finanzierbar ist.
- Vorschläge wie der von Justin Wolfers: KI- oder Roboter-Arbeitskraft gehört den Privatpersonen, und Unternehmen „mieten“ sie von den Menschen. So fließt das Geld zurück in die Gesellschaft.
- Neue Geldsysteme, die sicherstellen, dass Produktivitätszuwächse automatisch bei den Bürgerinnen und Bürgern ankommen.
Und: Wir müssen den Menschen eine Möglichkeit geben, sich nützlich zu fühlen, auch ohne klassische Lohnarbeit. Ehrenamt etwa kann dieses Kompetenzgefühl auch erfüllen, wenn die Strukturen stimmen.
Das klingt alles ziemlich groß. Was können normale Menschen jetzt ganz konkret tun?
Ich würde zwei Tipps geben:
- Bewusst nutzen.
Immer fragen: Hilft mir KI hier wirklich oder belastet sie mich langfristig? - Nicht blind vertrauen.
Halluzinationen und Fehler sind real. Man muss alles überprüfen.
KI ist ein mächtiges Tool. Wenn wir es aufgeklärt nutzen, kann es hilfreich sein. Wenn wir aber alles an sie abgeben, schadet es uns.
Letzte Frage: Bist du eher optimistisch oder pessimistisch, was die Zukunft angeht?
Sagen wir so: Ich bin vorsichtig alarmiert, aber nicht fatalistisch. Wir sind nicht hilflos. Es gibt gute Ideen. Wir müssen nur früh genug anfangen, darüber nachzudenken, wie wir leben wollen. KI zwingt uns im Grunde dazu, diese Frage nicht mehr aufzuschieben.
Der Experte

Dominik Bär
Dominik Bär
Wissenschaftlicher Mitarbeiter Ruhr Universität Bochum – Lehrstuhl für Ethik der digitalen Methoden und Techniken



