Eine Band hat 1,3 Millionen monatliche Hörer:innen auf Spotify – aber sie existiert nicht. The Velvet Sundown gibt es nur als Output eines Musik-Generators. Niemand hat die Songs eingespielt, niemand stand auf einer Bühne. Solche Phänomene sind keine Randnotiz mehr: Bei Deezer waren im April 2026 rund 44 Prozent aller neuen Uploads vollständig KI-generiert, etwa 75.000 Tracks pro Tag.[1] Tatsächlich gehört wird davon nur ein Bruchteil – aber die Flut verändert das Ökosystem.

Während Hochglanzversprechen und Untergangsszenarien um die Aufmerksamkeit konkurrieren, lohnt der Blick aus der künstlerischen Praxis. Für diesen Artikel haben wir mit einem Künstler und Musiker gesprochen, der mit KI-Tools experimentiert – sie aber bewusst nicht im Endprodukt einsetzt. Seine Position ist ambivalent, aber differenziert. Genau diese Differenzierung ist das Thema.

Zwei Welten, eine Dynamik

Bildgeneratoren wie Midjourney, DALL·E oder Stable Diffusion sind seit etwa 2022 in der Breite verfügbar. Musik-KI – Suno, Udio, ElevenLabs Music – zog 2023 und 2024 mit vergleichbarer Geschwindigkeit nach. Beide Felder durchlaufen ähnliche Phasen: erst Faszination, dann Massenadoption, dann Marktverzerrung, dann juristische Auseinandersetzung.

„Als Künstler und Musiker beobachte ich in beiden Bereichen eine sehr ähnliche Dynamik. Ich experimentiere mit Sprachmodellen und Bildgeneratoren, nutze sie aber nicht im Endprodukt – das ist eine bewusste Entscheidung.“

Dieses Experimentieren ist keine Außenseiterposition. Eine Befragung zeigte 2024, dass über die Hälfte der unter 35-Jährigen in Deutschland und Frankreich KI in der Musikproduktion bereits einsetzt.[2] Die eigentliche Frage ist, wie.

Das Problem der Beliebigkeit

Der zentrale Vorwurf, der KI-Massenware aus beiden Bereichen entgegengebracht wird, lässt sich mit einem Wort zusammenfassen: Beliebigkeit. Sie zeigt sich auf vier Ebenen.

Visuell ist da der inzwischen erkennbare Midjourney-Look – weichgezeichnete Hyperrealismen, charakteristische Farbpaletten, eine austauschbare Bildsprache. Was vor zwei Jahren beeindruckte, wirkt heute oft wie Schablone.

Auf der Audio-Seite die schon erwähnte Streaming-Flut: Deezer identifizierte 2025 über 13,4 Millionen vollständig KI-generierte Tracks auf seiner Plattform.[3] Spotify entfernte zwischen 2024 und 2025 rund 75 Millionen Tracks wegen Verstößen gegen seine Nutzungsbedingungen, viele davon im KI-Kontext.[4]

„Widersetzt euch KI-Musik, oder Bands wie wir hören auf zu existieren.“
– Lucas Woodland, Frontmann von Holding Absence[4]

Das Zitat fiel, nachdem das KI-Projekt Bleeding Verse mit über einer Million Spotify-Hörer:innen größer wurde als reale Bands, deren Stil als Vorlage gedient hatte.

Drittens: die Verwischung individueller Handschriften. Bereits 2023 verklagten die Illustratorinnen Sarah Andersen, Kelly McKernan und Karla Ortiz die Anbieter Stability AI, Midjourney und DeviantArt. Die Kernfrage: Dürfen KI-Modelle mit fremden Werken trainiert werden, ohne Einwilligung, Vergütung oder Nennung? Zentrale Copyright-Ansprüche wurden inzwischen zur Hauptverhandlung zugelassen.[5]

Und viertens: der Marktdruck.

„Im Auftragsgeschäft erlebe ich, dass Klienten KI-Tempo zu KI-Preisen erwarten – auch dann, wenn das Ergebnis weiterhin handwerklich entstehen soll.“

Eine Gartner-Prognose geht davon aus, dass bis Ende 2026 vier von fünf Werbeschaffenden täglich KI einsetzen werden.[6] Schweizer Branchenberichte beschreiben sinkende Honorare, weil Auftraggeber:innen Roh-Drafts mittlerweile selbst per KI erzeugen – die menschliche Arbeit reduziert sich auf das Veredeln.[6]

Wenn KI funktioniert: konzeptionelle Tiefe

Es gibt allerdings auch KI-gestützte Kunst, die nicht in Beliebigkeit verfällt. Sie hat in der Regel ein gemeinsames Merkmal: KI wird als konzeptionelles Material verwendet, nicht als Output-Maschine.

„Wo andere eine Dystopie sehen, liegt für mich die Utopie.“
– Refik Anadol, Medienkünstler[7]

Anadol gilt als prominenteste Stimme datenbasierter Medienkunst. Seine Großinstallationen – darunter Machine Hallucinations, Unsupervised (MoMA) oder Glacier Dreams (Kunsthaus Zürich) – verarbeiten massive Datensätze in projizierte Bildwelten. Er versteht sich selbst nicht als Bediener eines Werkzeugs, sondern als Kollaborateur in einer datenpoetischen Arbeitsweise. Mit dem Museumsprojekt Dataland in Los Angeles will er ein institutionelles Fundament für KI-Kunst schaffen.[8]

Auf der Musik-Seite steht dafür Holly Herndon. Ihr Album PROTO entstand mit „Spawn“ – einem KI-Modell, das ausschließlich auf eingewilligten, dokumentierten Aufnahmen trainiert wurde. Herndon kritisiert Data Scraping früh und prinzipiell: Das anonymisiere die Beteiligten und mystifiziere die KI als allwissendes Orakel.[9] Ihr Ansatz: bekannte Daten, klare Autorenschaft, kontinuierliche ethische Reflexion.

„Es gibt KI-gestützte Kunst, die mich beeindruckt – fast immer dann, wenn KI nicht als Output-Tool, sondern als konzeptionell tief integriertes Material begriffen wird. Anadols Arbeit funktioniert für mich, weil Daten dort ein Werkstoff sind, nicht ein Wunscherfüllungs-Oracle.“

Der gemeinsame Nenner solcher Positionen: Transparenz über Trainingsdaten, klare Autorenschaft, kuratorische Entscheidungen, ein erkennbares Konzept jenseits des Prompts. Genau das fehlt im KI-Massenmarkt.

Vergütung und Trainingsdaten: die deutsche Front

Die ökonomischen und juristischen Linien sind eng verknüpft. Sinkende Honorare in der Bildbranche und Streaming-Verwässerung in der Musik haben dieselbe strukturelle Wurzel: KI-Modelle, die mit fremder Arbeit trainiert wurden, konkurrieren mit den Originalwerken auf dem Markt – oft, ohne dass die Urheber:innen daran beteiligt sind.

Hier hat sich 2025 und 2026 viel bewegt. Die GEMA klagte zunächst im November 2024 gegen OpenAI wegen unlizenzierter Nutzung von Songtexten, dann im Januar 2025 gegen den Audio-Generator Suno. Am 11. November 2025 entschied das Landgericht München erstinstanzlich gegen OpenAI – das erste wegweisende KI-Urheberrechtsurteil in Europa.[10]

„Wir konnten heute die Lebensgrundlage Musikschaffender erfolgreich verteidigen.“
– Tobias Holzmüller, GEMA-CEO[10]

Das Verfahren gegen Suno wurde am 9. März 2026 in München verhandelt; das Urteil steht zum Redaktionsschluss aus. Im Mittelpunkt steht der Vorwurf, der Generator gebe weltbekannte Werke wie Forever Young, Daddy Cool oder Cheri Cheri Lady in stark angenäherter Form wieder.[11]

International läuft die parallele Auseinandersetzung weiter. Über 200 Musiker:innen – darunter Billie Eilish, Pearl Jam, Stevie Wonder und R.E.M. – unterzeichneten 2024 einen offenen Brief der Artist Rights Alliance, der ein Ende der ausbeuterischen KI-Nutzung fordert.[12]

„Die plausibelste Lösung scheint mir nicht ein Verbot, sondern faire Vergütungsmodelle. KI-Modelle entstehen aus dem Schaffen anderer – das muss honoriert werden.“

In dieselbe Richtung weist auch der EU AI Act, dessen Transparenz- und Kennzeichnungspflichten ab dem 2. August 2026 greifen: KI-generierte Inhalte müssen dann maschinenlesbar und für Menschen erkennbar markiert werden.

Authentizität und Ausblick

Wenn KI-Outputs technisch immer überzeugender werden – was bleibt dann eigentlich menschlich?

„Authentizität bedeutet für mich vor allem: spürbare menschliche Entscheidungen im Werk, eine erkennbare Handschrift, eine eigenständige Ästhetik – und nicht zuletzt Geschmack. Das alles ist nicht Output, sondern Haltung.“

Diese Definition läuft der Optimierungslogik algorithmischer Systeme bewusst zuwider. KI konvergiert auf Wahrscheinlichkeiten; künstlerische Arbeit lebt von eigenwilligen Entscheidungen. Live-Auftritte, Studio-Dokumentation und nachvollziehbare Prozesse gewinnen entsprechend an Bedeutung – auch als ökonomisches Differenzierungsmerkmal.

Wie es weitergeht, lässt sich seriös nicht prognostizieren. Vermutlich wird die Antwort weder Branchenkollaps noch reibungslose Integration sein. Plattformen wie Deezer kennzeichnen KI-Tracks bereits und schließen sie aus algorithmischen Empfehlungen aus.[1] Andere Anbieter dürften nachziehen. Hybridmodelle – Mensch und KI in klar definierten Rollen – setzen sich in vielen Workflows durch. Und juristisch verschiebt sich der Rahmen langsam zugunsten der Urheber:innen.

„Es entstehen neue Formen, die wir uns heute noch gar nicht vorstellen können – auch durch die Reibung mit KI.“

Fazit

Nicht das Werkzeug entscheidet, sondern wie damit umgegangen wird. Wer KI als Beliebigkeitsmaschine nutzt, produziert Beliebiges – und schadet damit auch den ökonomischen Grundlagen kreativer Arbeit. Wer sie als konzeptionelles Material begreift, kann tatsächlich zu Neuem kommen.

Zwischen diesen Polen verläuft die eigentliche Debatte. Sie betrifft Urheberrecht, Plattformlogiken, Honorarstrukturen und die schwer fassbare Frage, was Kunst zu Kunst macht. Vielleicht ist die zentrale Frage am Ende nicht, ob KI Kunst kann – sondern: Welche menschlichen Entscheidungen, welche Handschrift, welcher Geschmack bleiben im Werk sichtbar?

Quellen

[1] Dataconomy DE, „Deezer berichtet, dass KI-Musik 44 % der neuen Uploads erreicht“, 21.04.2026 — https://de.dataconomy.com/2026/04/21/deezer-berichtet-dass-ki-musik-44-der-neuen-uploads-erreicht/

[2] KI-Trainingszentrum, „KI-generierte Musik: Revolution oder Bedrohung für Künstler?“, 19.03.2025 — https://ki-trainingszentrum.com/ki-generierte-musik-revolution-oder-bedrohung-fuer-kuenstler/

[3] HIFI.DE, „Deezer ächzt: Fast ein Fünftel der hochgeladenen Musik ist mittlerweile KI-generiert“, 17.04.2025 — https://hifi.de/news/deezer-aechzt-fast-ein-fuenftel-der-hochgeladenen-musik-ist-mittlerweile-ki-generiert-229702

[4] GenMediaLab, „KI-Musik 2025: Das Jahr, in dem GenAI alles veränderte“, 15.12.2025 — https://www.genmedialab.com/de/news/ai-music-2025-year-in-review/

[5] Copyright Alliance, „Takeaways from the Andersen v. Stability AI Copyright Case“, 12.11.2024 — https://copyrightalliance.org/andersen-v-stability-ai-copyright-case/

[6] persoenlich.com, „Werbung im Wandel: Schweizer Kreative unter KI-Druck“, 05.12.2025 — https://www.persoenlich.com/kategorie-werbung/schweizer-kreative-unter-ki-druck

[7] Monopol-Magazin, „KI-Künstler Refik Anadol: ‚Wo andere eine Dystopie sehen, liegt für mich die Utopie'“, 07.03.2026 — https://www.monopol-magazin.de/interview-refik-anadol

[8] Kunstforum International, „Refik Anadol gründet erstes KI-Museum“, 01.10.2024 — https://www.kunstforum.de/nachrichten/refik-anadol-gruendet-erstes-ki-museum/

[9] New Statesman, „Holly Herndon on merging music and AI“, 30.10.2019 — https://www.newstatesman.com/culture/2019/10/technology-should-free-us-up-to-be-more-human-together-holly-herndon-on-merging-music-and-ai

[10] GEMA, „Erstes KI-Grundsatzurteil in Europa: GEMA setzt sich gegen OpenAI durch“, 11.11.2025 — https://www.gema.de/de/w/grundsatzurteil-gema-gegen-openai

[11] GEMA, „GEMA klagt gegen Suno: Landgericht München verhandelt erstes Verfahren im Bereich Audio-KI“, 09.03.2026 — https://www.gema.de/de/w/gema-klagt-gegen-suno-2026

[12] kulturnews.de, „Über 200 Künstler:innen warnen vor KI“, 03.04.2024 — https://kulturnews.de/artists-rights-alliance-mehr-als-200-kuenstlerinnen-warnen-vor-ki/